Von der schwierigen Aufgabe, einfach weiterzumachen

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P.S. 08.10.2021

Hans Steiger

Warum weiter solche Bucher lesen? Es ist kaum zu glauben, wie viele Krisenanalysen erscheinen und wie sich deren Kernaussagen gleichen: Ein grundlegender Systemwandel ist notwendig, um Katastrophen abzuwenden. Einzeldarstellungen - etwa neue Fakten und Prognosen zu den Wirkungen der Erderwärmung oder zum Schwinden der Biodiversitat - verfolge ich in aktuellen Medien nur noch flüchtig. Wir kennen ja die Richtung. Eigentlich treibt mich einzig die eine Frage um: Warum wird aus dem Wissen kein Handeln? Sie stellt sich allen noch nicht Resignierten im politischen wie privaten Bereich fast täglich.

In einem dicken Wälzer, wo im Kontrast zur konsumkapitalistischen Betriebsamkeit betont altmodisch «die Bedürfnisse des Menschen» ins Zentrum gerückt werden, fand ich eine fur den global gesehen wohlhabenden Norden wohl entscheidende Antwort: Wir haben die Genügsamkeit nicht nur verlernt, sondern sie wurde uns ausgetrieben. Zudem sind wir in unzähliqe zivilisatorische Abhängigkeiten geraten, die ohne grundlegende Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft schwerlich aufzulösen sind. Herbert Schaaff legt das als Ökonom dar, ohne einen Gesamtentwurf für diesen notwendigen Wandel skizzieren zu können. «Schaut man auf die Inhalte und vor allem die Qualität der aktuellen politischen Auseinandersetzungen», werde deutlich, wie lang die zurückzulegende Wegstrecke ist.

Exemplarisch zeigen das die Koalitionsverhandlungen in Deutschland. Was dort im besten Fall als New Green Deal winkt, kombiniert technologische Innovationen und umfassende Digitalisierung mit «freie Fahrt fur freie Bürger». Wobei diese Anti-Verbots-Parole jetzt aufs Fliegen ausgedehnt wird. Um in der Schweiz zu bleiben: Hier wurde der Baubeginn einer weiteren Auto-Gotthardröhre gefeiert, mit Alphornklänqen. Fur die «künftiqe Generation» standen Kinder aus Göschenen und Airolo. Parallel handelten die Medien das Swissair-Grounding vor 20 Jahren als nationale Tragödie ab; nun wären der Luftfahrt <normale> Zeiten zu gönnen. Wachstum wie vor dem Corona-Schock also. In den USA und in Russland wird schon Weltraumtourismus geprobt.

Fabian Scheidler hat vor Jahren die «Geschichte einer scheiternden Zivilisation» vorgelegt und das Bild einer «Megamaschine» in den Titel gesetzt. Sein neues Buch beleuchtet die verhängnisvolle Vorstellung von nichtmenschlicher Natur «als totes, beliebig ausbeutbares Objekt». Das weitverbreitete Ohnmachtgefühl findet der Historiker und Philosoph mehr als verständlich. Auch die Millionen von Menschen, welche die Fridays-for-Future-Bewegung weltweit fur den Klimaschutz zu mobilisieren vermochte, müssten die bittere Erfahrung machen: «Die politisch-ökonomische Maschine walzt weitgehend ungerührt an ihnen vorbei.» Aufgeben?

Weitermachen! Sich gegen den tödlichen Trend stellen, mit dem anderen und ohnehin besseren Leben beginnen. Krisen können immer an Kipppunkte führen. Ein systemischer Übergang besteht in der Regel aus einer Kaskade derartiger Kipppunkte, und was dann geschieht, «hängt entscheidend davon ab, was die Menschen in der Zeit davor, also in den scheinbar unbewegten Phasen, getan und gedacht haben». Auch davon, wie sie sich im Kleinen organisierten, «wie sich Machtverhältnisse, Denkmuster, Debatten und kulturelle Hegemonien verschoben». Er verweist auf Ansätze eines Wirtschaftens jenseits von Wachstums- und Profitzwang. Konsumverzicht allein sei zwar keine Lösung, doch realistischer als die Illusion des «grünen Wachstums» ist sie allemal.

Fabian Scheidler: Der Stoff, aus dem wir sind. Piper, München 2021, 304 Seiten, 28.90 Franken.