Tessiner nutzen Solarkraft kaum

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Tages-Anzeiger, 18.10.2007, Seite 4

In der Südschweiz wären die Bedingungen für die Nutzung der Sonnenenergie günstig. Doch die Tessiner haben bisher fast nichts daraus gemacht. Erst langsam beginnt ein Umdenken.

Von René Lenzin, Bellinzona

Im Alpengürtel ist die Sonnenkraft stärker als im Rest der Schweiz. In diesem Gebiet liegt auch der Kanton Tessin, wo die so lare Einstrahlung bis zu anderthalbmal höher ist als etwa im Mittelland und im Jura (siehe Karte). Und trotzdem hapert es südlich des Gotthards noch mit der Nutzung dieses Potenzials. «Was die För derung alternativer Energien anbelangt, sind wir gegenüber den meisten andern Kantonen im Rückstand», sagt Mario Bricola vom kantonalen Amt für Energiesparen. Er erklärt sich dies mit der Mentalität der Tessiner und der Nähe zu Italien, wo alternative Energien noch kaum ein Thema seien.

Eine Bilanz des Bundesamts für Energie über Förderprogramme illustriert diesen Befund. 2006 produzierten diese Beiträge gesamtschweizerisch eine energetische Wirkung von 6600 Gigawattstunden (GWh). Mit 50 GWh belegte der Tessin nur gerade Rang 18 aller Kantone. Das glei che Bild bei den ausgelösten Investitionen: Gesamtschweizerisch beliefen sich diese auf 237 Millionen Franken, im Tessin ge rade mal auf 2 Millionen. Dem Tessin fehle die Kontinuität in der Förderpolitik und eine klare Energieplanung für die nächsten 20 Jahre, konstatiert Claudio Caccia. Er ist Energieberater und Tessiner Sekretär von Swisssolar, dem schweizerischen Fachverband für Sonnen energie. Der Rückstand des Tessins er staunt umso mehr, als die Fachhochschule der italienischen Schweiz seit 1998 ein national und international vernetztes For­schungsinstitut für angewandte Nachhaltigkeit im Bauwesen führt.

Auf dem Weg ins Schweizer Mittelfeld

Mit den jüngsten Fördermassnahmen habe der Kanton immerhin etwas aufge holt und bewege sich nun im schweizeri schen Mittelfeld, betont Bricola. Derzeit läuft ein vierjähriger Rahmenkredit über 4,8 Millionen Franken. Und kürzlich hat der Staatsrat beschlossen, weitere 5 Millionen für den nachhaltigen Umgang mit der Energie einzusetzen. Un ter anderem will er damit Anreize für vier Fotovoltaik-Anlagen von mindestens je 20 Kilowattstunden schaffen.

Gemäss Bricola hatten die Massnahmen ein positives Echo. Aus dem ersten Rahmenkredit sind 800 000 Franken für thermische Sonnenkollektoren vorgesehen. Dieser Betrag sei bereits ausgeschöpft, ob wohl das Programm noch bis Ende 2009 laufe. Trotz diesen Erfolgen sei der Effekt im internationalen Vergleich aber bescheiden, sagt der Energiefachmann. Pro 1000 Einwohner seien im Tessin 30 Qua­dratmeter solcher Kollektoren installiert worden. In Österreich liege der Wert im gleichen Zeitraum bei 500 Quadratmetern. Vom Programm profitiert hat etwa das Hotel Unione in Bellinzona. Für rund 120 000 Franken hat dessen Direktor Marco Berini soeben das Heizsystem umgebaut. An Stelle der zwei 1000-Liter Boiler hat er drei Wärmepumpenspeicher mit optimierten Wassertemperaturen in stallieren lassen. Erwärmt wird das Wasser darin von 37 Quadratmeter Sonnenkollektoren auf dem Dach sowie von der Abwärme der hoteleigenen Kühlsysteme. Der Ölbrenner kommt nur noch bei kurz­fristigem Bedarf zum Einsatz. Im Sommer konnte Berini so seinen Heizölverbrauch um 83 Prozent reduzieren. Statt 3600 Liter wie im Schnitt der letzten Jahre braucht er nun noch 600 Liter pro Monat. Mit der Integration des Kühlsystems in die Heizung hat er zusätzlich seinen Wasserverbrauch deutlich gesenkt.

Unter dem Strich rentiert Investition

In sieben bis acht Jahren sollte die In vestition amortisiert sein, rechnet Giuseppe Serro, Kaufmännischer Direktor der Firma Enersolutions, die das System geplant hat. Bei einer Laufzeit von 20 bis 25 Jahren resultiere unter dem Strich ein schöner Gewinn. Zumal der Heizölpreis in den nächsten Jahren eher steigen als sinken werde. Vom Kanton hat Berini 250 Franken Subvention pro Quadratmeter Sonnenkollektor erhalten. Nicht vorbehaltlos begeistert über die staatliche Hilfe ist Siegfried Renner, der Technische Direktor der Firma Enersolutions. Für ihn besteht die Gefahr, dass mit Fördergeldern teure Prestigeprojekte initiiert würden. Das grösste Potenzial der Sonnenenergie liege aber in der effizienteren Nutzung bestehender Heizsysteme. Dank hohem Ölpreis rechneten sich solche Investitionen auch ohne Subventionen, ist Renner überzeugt.

Marco Berini teilt diese Einschätzung. Als gewiefter Geschäftsmann hat er zwar die Subventionen nicht verschmäht. Er betont jedoch, dass er die Investition auch sonst getätigt hätte. Und er will nicht so recht verstehen, weshalb erst wenige Tessiner Hoteliers solche Systeme angeschafft haben. Tatsächlich wären Hotels mit ihrem permanenten und hohen Warmwasserbedarf gut geeignet für die thermische Nutzung der Sonnenenergie, wie Marianne Zünd vom Bundesamt für Energie bestätigt. Dies gilt vor allem für die Südschweiz mit ihrer für die Nutzung der Solarkraft günstigen Lage.