Solarstrom-Offensive mit Fragezeichen

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P.S., 29.9.2021

Die Stadt Zürich will den Ausbau der Solarstromproduktion stark beschleunigen. Wie das gehen soll, erklärten der Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe, Stadtrat Michael Baumer, und der Direktor des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ), Benedikt Loepfe, am Montag an einer Medienkonferenz.

Nicole Soland

Um das Klimaziel Netto-Null bis 2040 zu erreichen, müssen in der Stadt Zürich sowohl die Wärmeversorgung als auch die Mobilität rasch elektrifiziert werden: Das hielt Stadtrat Michael Baumer, Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe, an der Medienkonferenz vom Montag gleich zu Beginn fest. Damit steigt jedoch nicht nur der Stromverbrauch, sondern dieser zusätzliche Strombedarf muss auch mittels erneuerbarer Energien gedeckt werden. Gemäss Energiestrategie 2050 des Bundes kommen dafür unter anderem Solarenergie, Windenergie sowie Wasserkraft infrage. Bei Letzteren beiden gebe es jedoch häufig «Schwierigkeiten»: Sie scheiterten oft an der Bewilligung, sagte Michael Baumer mit Verweis auf die beiden Windparks Molendruz und Provence, die das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) seit rund zwölf Jahren zusammen mit lokalen Partnern im Waadtländer Jura realisieren möchte.

Die Medienkonferenz, die im Seewasserwerk Lengg stattfand (inklusive Besichtigung der Photovoltaikanlage auf dem Dach), stand folglich unter dem Motto «Solarstrom-Offensive in der Stadt Zürich». Mit diesem Vorhaben will die Stadt primär ihre eigenen Ziele erreichen. Gelingt ihr dies, leistet sie damit aber auch einen Beitrag an die Umsetzung der Energiestrategie 2050 des Bundes.

«Maximale Nutzung der Dachflächen»

Die neue Photovoltaikstrategie beinhaltet Massnahmen, um mittels einer starken Beschleunigung des Ausbaus von Photovoltaik-Anlagen «die maximale Nutzung der Dachflächen» zu erzielen. Konkret sprach Stadtrat Baumer davon, dass die Produktion von Solarstrom auf Stadgebiet bis 2030 vervierfacht werden soll, von heute rund 30 auf 120 Gigawattstunden pro Jahr (GWh/a). Für die Produktion vọn Solarstrom auf städtischen Gebäuden sieht die Photovoltaikstrategie gar eine Verfünffachung auf 20 GWh/a vor: «Bei städtischen Neubauten und Dachsanierungen sollen Photovoltaikanlagen künftig in der Regel Standard sein.»

Bis 2030 will die Stadtverwaltung mindestens zehn Prozent ihres eigenen Strombedarfs mit Sonnenenergie decken. Die Aufgabe könnte dadurch erschwert werden, dass viele öffentliche Gebäude in Zürich entweder geschützt oder im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz verzeichnet sind. Doch auch unter letzteren gebe es noch viele, die für eine Photovoltaikanlage geeignet seien, sagte Michael Baumer: Ein Fünftel der städtischen Gebäude falle in diese Kategorie. Gefärbte Photovoltaikelemente, zum Beispiel solche in Ziegelbraun, könnten in schwierigen Fällen zur Anwendung kommen. Sie haben allerdings einen geringeren Wirkungsgrad als die klassischen Elemente. Unter dem Stichwort «technische Weiterentwicklung» fasst das EWZ zudem Photovoltaikanlagen an Hausfassaden ins Auge, die im Rahmen der neuen Strategie «gezielt realisiert» werden sollen.

Was das EWZ bei der Realisierung von Photovoltaikanlagen insbesondere auf öffentlichen Gebäuden bereits leistet – es ist dort federführend bei Planung und Beratung, Realisierung, Betrieb und Finanzierung sowie Abrechnung der Stromlieferung –, soll ausgebaut werden. Im Rahmen von «ewz.solarzüri» kann die Bevölkerung bereits seit einigen Jahren quadratmeterweise Solarpanels auf öffentlichen Gebäuden „kaufen“: Die Kosten für einen virtuellen Quadratmeter und 80 kWh Solarstrom betragen einmalig 250 Franken, was einem Energiepreis von 15.6 Rappen/kWh entspricht. Die Gutschrift erfolgt über eine Dauer von 20 Jahren. Die Nachfrage sei gross, betonte Stadtrat Baumer, deshalb gibt es nun ein neues Angebot: Seit Montag kann man beim EWZ im Rahmen von „ewz.solarzüri“ total 2700 Quadratmeter kaufen. Die Panels befinden sich auf der städtischen Wohnsiedlung Glaubten.

«Rundum-sorglos-Paket» für Private

Wolle man das Ziel von 120 Gigawattstunden pro Jahr bis 2030 erreichen, müssten auch Private mitmachen, betonte Michael Baumer. Wie das gehen soll, war auf der Folie in der Präsentation zu sehen, die sich dem Angebot für private LiegenschaftsbesitzerInnen widmete. Titel: «Das Rundum-sorglos-Paket». Dieses umfasst einerseits «Beratung, Planung, Realisierung, Finanzierung und Betrieb sowie Verrechnung an Mietende» und andererseits die «Überarbeitung der 2000-Watt-Förderbeiträge, um mehr Photovoltaikanlagen zu ermöglichen».

In den Unterlagen zur Medienkonferenz findet sich ein aktueller Bericht mit dem Titel «Photovoltaik-Ausbau und Entwicklung Rahmenbedingungen", verfasst von Silvia Banfi und Heike Eichler, Energiebeauftragte, und Sven Allemann, EWZ. Darin sind die Investitionskosten für eine Photovoltaikanlage bei einem Einfamilienhaus mit 18 bis 20000 Franken und die Gestehungskosten mit 21,7 bis 24,1 Rappen pro Kilowattstunde veranschlagt. Bei einem grossen Mehrfamilienhaus betragen die Investitionskosten 60 bis 80000 Franken und die Gestehungskosten 13,1 bis 17,1 Rappen.

«In erster Linie hängt die Wirtschaftlichkeit einer Photovołtaikanlage jedoch stark davon ab, ob der produzierte Solarstrom im Eigenverbrauch konsumiert oder in das Stromnetz eingepeist wird. EWZ nimmt als Netzbetreiber die überschüssig produzierte Elektrizität aller Solarstromanlagen in der Stadt Zürich ab. Die dafür entrichtete Vergütung berechnet sich anhand der rechtlichen Vorgaben des Energiegesetzes (…). Daraus resuliert durchschnittlich eine Vergütung in Höhe von 7,9 Rp/kwh für Solarstrom, die für die meisten Anlagen nicht kostendeckend ist. Diese Vergütung liegt im Vergleich zu anderen Städten/Kantonen im mittleren Bereich. Spitzenreiter ist Basel-Stadt mit einer Vergütung von 13 Rp./kWh», schreiben die AutorInnen.

Ist Basel besonders grosszügig – oder Zürich speziell knausrig? Weder - noch, erklärt EWZ-Mediensprecher Thöme Jeiziner, denn in Basel würden dafür geringere Förderbeitrăge bezahlt: «Wir übernehmen bis zu 30 Prozent der Investitionskosten für Photovoltaikanlagen.» Im Bericht der Energiebeauftragten wird zudem daran erinnert, đass der Gebäudepark der Stadt Zürich primăr aus älteren Objekten bestehe, «bei denen die Voraussetzungen für die Realisierung einer Photovotaikanlage ohne Investitionen in die Gebäudesubstanz häufig nicht gegeben sind». So müssten Objekte etwa über «ausreichende Lastreserven» verfügen, damit sie das Zusatzgewicht einer Photovoltaikanlage tragen könnten: «Für diese Zusatzinvestitionen werden zusätzliche Mittel benötigt, die den Zubau von Photovoltaik unwirtschaftlich machen. Vor diesem Hintergrund kann ein starker Zubau von Photovoltaikanlagen in der Stadt Zürich nur dann erfolgen, wenn auch Investitionen in die bestehende Gebäudesubstanz getätigt werden. Diese Investitionen müssten durch zusätzliche Fördermittel der Stadt Zürich ausgelöst werden.»

«Keine Photovotaik ist auch keine Lösung»

Anders als in Basel werden offensichtlich nicht möglichst viele StromkundInnen begünstigt, sondern die kleinere Gruppe der LiegenschaftsbesitzerInnen erhält den grösseren Teil des Kuchens. In der am Montag verschickten Medienmitteilung der Grünen Stadt Zürich zur Solarstrom-Offensive heisst es unter anderem: «Kein Wort verlieren die Stadt und das EWZ zur Tarifgestaltung. Die Erzeugung bzw. Einspeisung von Photovotaik-Strom müsste mit einem viel höheren Anreiztarif ausgestatet werden. Das wäre das beste Mittel, um Photovoltaik auch bei Privaten zu fördern. Hierzu werden nur unklare Aussagen gemacht.»

Genau: Wer einen Blick auf seine Stromrechnung wirft, findet unter dem Punkt «Kommunale Abgaben im Rahmen der 2000-Watt-Gesellschaft» folgenden Hinweis: Für die Kundinnen und Kunden des Verteilnetzes Zürich erbringen wir verschiedene gemeinwirtschaftliche Leistungen: öffentliche Beleuchtung/Uhren, Energieberatung, Förderbeiträge sowie unten aufgeführte Rückvergütungen.» Die Förderbeiträge bezahlen somit die StrombezügerInnen, also wir alle.

Und wer garantiert uns, dass unsere VermieterInnen nicht auf die Idee kommen, den Dachstock zu verstärken, eine Photovoltaikanlage zu installieren – und die nicht bereits durch Förderbeiträge abgedeckten Kosten uns MieterInnen weiterzuverrechnen, da es sich ja um eine «wertvermehrende Investition» handle? Oder uns gar „rauszukündigen“, weil man leere Häuser einfacher ausbauen kann? Das sei tatsächlich ein «Knackpunkt», sagt Markus Kunz, Fraktionschef der Grünen im Gemeinderat, auf Anfrage. Nur: «Keine Photovoltaik ist auch keine Lösung.» Er verweist auf die Medienmitteilung seiner Partei, Stichwort Tarifgestaltung: «Hier müsste man ansetzen, bevor Mieterlnnen via Steuern, Strompreise und Mietzinserhöhungen dreimal zur Kasse gebeten werden.»

Walter Angst, AL-Gemeinderat und Leiter Kommunikation des Mieterinnen- und Mieterverbands Zürich, erklärt auf Anfrage, eine generelle Aussage dazu, ob die Solarstrom-Offensive allenfalls die Gentrifizierung befördere, sei nicht möglich. Bei Genossenschaften könne es funktionieren, ja sogar zu einer Win-Win-Situaion führen. Kritisch werde es, wenn Private die Realisierung einer Solaranlage mit einer Sanierung verbinden: «In diesen Fällen muss man genau hinschauen. Beim Mieterinnen- und Mieterverband sei man jedenfalls auf das Thema sensibilisiert: «Wenn jemand wegen einer neuen Photovoltaikanlage plötzlich einen Mietzinsaufschlag von 200 Franken pro Monat bezahlen soll, muss die Mieterin, der Mieter aktiv werden und den Aufschlag anfechten.»


WAS PLANT DER BUND?

Der Bundesrat will nach dem Nein zum CO2-Gesetz bis Ende Jahr eine neue Vorlage in die Vernehmlassung schicken: Das erklärte Bundesrätin Simonetta Sommaruga, Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, am letzten Freitag an einer Medienkonferenz in Bern. Am Ziel, dass die Schweiz ihre Emissionen bis 2030 gegenüber 1990 halbieren soll, hält der Bundesrat fest. Aber die Menschen in der Schweiz sollten im «Alltag klimafreundlich leben können, ohne zusätzlich belastet zu werden», sagte Simonetta Sommaruga. Weil die drohenden höheren Benzinpreise insbesondere auf dem Land zur Ablehnung des CO2-Gesetzes geführt hätten, seien nun «keine neuen Abgaben» geplant. Stattdessen soll es mehr Unterstützung im Gebäudebereich geben, namentlich für den Ersatz von Öl- und Gasheizungen. Das Steuerprivileg für Dieselbusse soll aufgehoben, das dadurch eingenommene Geld zweckgebunden für die Anschaffung von Elektrobussen eingesetzt werden. Im Flugverkehr steht die Beimischung von nachhaltigen Treibstoffen im Vordergrund. Der Bundesrat will auch den Ausbau der Infrastruktur für Elektroautos fördern. Simonette Sommaruga betonte, es gelte nun rasch zu handeln: «Je länger wir zuwarten, desto schwieriger wird es.»

Das ist sicher richtig, doch fragt man sich schon, weshalb es plötzlich kein Problem mehr sein soll, wenn weder das Benzin teurer noch sonstige Abgaben geplant sind. Vor der Abstimmung zum CO2-Gesetz tönte es jedenfalls noch anders. Die NZZ brachte es am letzten Samstag auf den Punkt: «Plötzlich soll der Klimaschutz schmerzlos sein.» Was wohl Ende Jahr tatsächlich in der neuen Vorlage steht? Man darf gespannt sein.