Pro Energiestrategie 2050: Mehr Sicherheit, weniger Abhängigkeit

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NZZ 05.04.2017

Gastkommentar von Christoph Schaer

Ein Ja zur Energiestrategie 2050 am 21. Mai 2017 ist ein gesellschaftlicher Gewinn, denn es bringt verlässliche Rahmenbedingungen für Industrie und Gewerbe.

2016 war das wärmste Jahr seit Beginn der regelmässigen Aufzeichnungen. Die global gemittelte Temperatur lag 1,1 °C über dem vorindustriellen Niveau. Und schon zum dritten Mal in Folge wurde die Rekordtemperatur des Vorjahres überboten. Die Erde erwärmt sich also ungefähr so, wie es die Klimamodelle voraussagen – und die hauptsächliche Ursache dafür sind die vom Menschen verursachten Emissionen. Dabei sollten uns nicht nur die klimatischen Extremereignisse an sich beunruhigen, sondern auch deren Häufigkeit: Bis auf wenige Ausnahmen sind alle in den letzten paar Jahren eingetreten.

Gleichzeitig ist die Schweizer Energieversorgung ungefähr zu 75 Prozent von fossilen Energieimporten abhängig. Jährlich fliessen dafür rund 13 Milliarden Franken in zum Teil sehr instabile Regionen dieser Welt ab.

Knapp ein Drittel unseres Stroms produzieren wir in Schweizer Atomkraftwerken – auch dafür fliessen jährlich über 120 Millionen Franken für Kernbrennstoffe ins Ausland. Der energetische Selbstversorgungsgrad der Schweiz liegt heute bei mageren 20 Prozent.

Es leuchtet ein, dass diese Abhängigkeit – insbesondere mit Blick auf die Endlichkeit fossiler Ressourcen – in eine Sackgasse führt. Wir brauchen also dringend eine Alternative. Und eine solche Alternative haben wir mit der Energiestrategie 2050. Sie befreit uns, indem sie verlässliche Rahmenbedingungen für den systematischen Umbau und die Modernisierung unseres Energiesystems schafft. Dabei profitieren alle, denn diese Investitionen bringen mehr Unabhängigkeit gegenüber dem Ausland, mehr Sicherheit, Beschäftigung und damit mehr Wohlstand für unser Land.

Wenn sachliche Gegenargumente fehlen, wird gerade in Abstimmungskämpfen gerne das Kostenmonster bemüht. Dass es sich dabei um realitätsfremde Propaganda handelt, kann ich aus eigener Erfahrung zeigen: Seit der Investition in energetische Sanierungsmassnahmen an meinem Wohnhaus gibt es in der Jahresbilanz keine Energiekosten mehr. Zum ersten Mal in der Geschichte amortisieren sich Investitionen in Gebäudetechnik und Gebäudehülle, in meinem Fall innert achtzehn Jahren – Tendenz stark sinkend. Dabei ist die Schlüsselgrösse nicht etwa die Vermarktung von Überschussenergie, sondern die Minimierung und teilweise sogar die Eliminierung von Energiebezügen.

Hat bei mir beispielsweise die neue Ölheizung sofort nach der Investition fortlaufende Kosten verursacht, decke ich heute meinen Energiebedarf grösstenteils aus eigener Produktion bei Grenzkosten von null Franken.

Aus der Finanzmathematik kennen wir den Unterschied zwischen Investitionen mit regelmässigen Annuitäten und langfristigen Betriebskosten. Ganz nebenbei erwähnt, profitiert von meiner Investition die ganze Gesellschaft, denn der Betrieb meines 40-jährigen Gebäudes erfolgt CO2-frei und leistet damit einen hundertprozentigen Beitrag an die Klimaziele.

Das Energiegesetz gebe keine Antwort auf die Frage, wie sich die Schweiz im Winter mit Strom versorgen solle, wird immer wieder argumentiert. Muss es auch nicht, denn dafür haben wir eine innovative Wirtschaft und hochqualifizierte Bildungsinstitutionen. Und die erledigen ihren Job hervorragend: Letzte Woche beispielsweise habe ich an der ISH-Messe in Frankfurt den ersten Haushalt-Stromspeicher für mehr als 1000 kWh gesehen. Damit ist meine Winterversorgung (und diejenige vieler anderer) definitiv gesichert.

Alles, was wir für eine saubere und zuverlässige Energieversorgung brauchen, ist da und im Markt erhältlich. Was es aber dringend braucht, ist der Wille, das auch umzusetzen – bei den oben skizzierten offensichtlichen (auch finanziellen) Vorteilen dürfte das für kluge Köpfe wohl nicht länger eine Frage sein.

Ein Ja zur Energiestrategie 2050 am 21. Mai 2017 ist ein gesellschaftlicher Gewinn, denn es bringt verlässliche Rahmenbedingungen für Industrie und Gewerbe, Unabhängigkeit vom Ausland, Versorgungssicherheit durch Dezentralisierung, Beschäftigung für die Schweizer Bevölkerung und damit Wohlstand für uns alle.

Christoph Schaer ist stellvertretender Direktor des Schweizerisch-Liechtensteinischen Gebäudetechnikverbandes (Suissetec) und Co-Präsident der Allianz Schweizer Wirtschaft für die Energiestrategie 2050.