Klimawandel: "Rasen auf Klippe zu und nehmen nur Fuss vom Gas"

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diepresse.com, 02.03.2017

Selbst wenn weltweit jedes zweite Auto ein Elektrofahrzeug wäre, würde der globale Ölverbrauch weiter ansteigen, sagt IEA-Chefökonom Laszlo Varro.

2017 ist laut der Internationalen Energieagentur (IEA) das entscheidende Jahr im Kampf gegen den Klimawandel. Denn ab heuer gebaute langfristige Infrastruktur wie etwa kalorische Kraftwerke wird über ihre Laufzeit mehr CO2 ausstoßen, als es für die Erreichung der Klimaziele eigentlich sein dürfte, sagt IEA-Chefökonom Laszlo Varro, der auf Einladung der OMV in Wien war, im Gespräch mit der „Presse“.

Die prognostizierten Zuwächse etwa bei der Elektromobilität werden daran nichts ändern. So machen weltweit Elektroautos nicht einmal ein Prozent des Fuhrparks aus. „Selbst wenn dieses eine Prozent schlagartig auf 50 Prozent angehoben werden könnte, würde der Ölverbrauch langfristig über das derzeitige Niveau hinaus ansteigen“, sagt Varro.

Grund dafür ist, dass das Wachstum bei der Ölnachfrage inzwischen vor allem aus anderen Bereichen kommt. Ein Drittel des Nachfrage-Plus beim Ölverbrauch komme allein von asiatischen Lkw-Transporten. „Teslas im Silicon Valley sind eine tolle Sache. Entscheidend für den Kampf gegen den Klimawandel sind jedoch Lkw in Pakistan“, so Varro.

Die IEA erwartet bei Personenkraftwagen mittelfristig einen Anstieg von derzeit 800 Millionen Fahrzeugen weltweit auf zwei Milliarden Autos. „Dennoch wird deren Ölverbrauch in Summe runter gehen“, sagt Varro. Dies einerseits durch die Zuwächse bei der Elektromobilität und andererseits durch höhere Effizienz von Verbrennungskraftmotoren.

Auch Europa macht nicht genug

Trotz dieser Erfolge im Autosektor wird das 2015 in Paris geschlossene Ziel, die Erwärmung im Schnitt auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, ohne zusätzliche Maßnahmen nicht erreicht werden können, sagt Varro. So werde zwar der CO2-Ausstoß bis 2030 auf dem derzeitigen Level von rund 32 Milliarden Tonnen pro Jahr eingefroren, notwendig wäre jedoch eine Reduktion um etwa zehn Milliarden Tonnen.„Es ist so, wie wenn man auf eine Klippe zurast, und den Fuß vom Gas nimmt. Eigentlich müsste man jedoch auf die Bremse steigen.“

Natürlich komme der große Zuwachs vor allem aus Asien. So hat sich dort allein der Flugverkehr in den letzten sechs Jahren um 50 Prozent gesteigert. Und bei Lkw- und globalem Schiff-Verkehr seien die Emissionen in den vergangenen Jahren ebenfalls stetig gewachsen. „Aber auch in Europa gibt es kein Land, das genügend macht, um die Ziele zu erreichen“, so Varro.

Bedeutet diese Diagnose der IEA, dass es ohnehin schon egal ist, und man sich von den Klimazielen verabschieden könne? Varro sagt Nein. Aber die Politik müsse auch „auf jene Themen schauen, die nicht so sexy wie Elektroautos sind.“ Beispielsweise den Schwerverkehr. In diesem preissensiblen Gewerbe bräuchten mögliche CO2-reduzierende oder -neutrale Technologien besonders viel Unterstützung - auch durch Subventionen. „Eine Privatperson zahlt vielleicht ein paar tausend Euro mehr für ein Elektroauto, wenn sie es unbedingt will. Ein Spediteur könnte das gar nicht, weil er unter enormen Wettbewerbsdruck steht.“

Keine Sorgen über Trump

Keine Sorgen bereitet der in Paris beheimateten Industrieländer-Organisation übrigens der neue US-Präsident Donald Trump, der im Wahlkampf ja noch angekündigt hat, das Pariser Abkommen aufzukündigen. „Ich möchte nicht über seine mögliche Politik spekulieren“, so Varro. Sehe man sich die nackten Zahlen an, seien erneuerbare Energieformen wie Wind oder Solar-Energie in den USA jedoch eine „Erfolgsgeschichte“. „Und 62 Prozent der Erneuerbaren kommen aus republikanischen Staaten. Texas beispielsweise produziert doppelt so viel erneuerbare Energie wie Kalifornien.“ Und der dafür vor allem verantwortliche ehemalige texanische Gouverneur Rick Perry werde nun der neue Energieminister in der Regierung Trump, sagt Varro.

Will man jedoch, dass moderne CO2-freie Technologien langfristig auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern genutzt werden, dann müssten die Industrieländer in Vorleistung gehen. Auch wenn das, wie beim Beispiel der Fotovoltaik, viel Geld kostet. „Allein Deutschland wird am Ende in Summe 400 Milliarden Euro für Förderungen an teure Solaranlagen gezahlt haben. Durch diese Förderungen wurden jedoch technologische Entwicklungen möglich, weshalb es Fotovoltaik nun auch in Ägypten, Marokko oder Peru gibt“, so Varro.