KLIMA: «Der Kanton Zug wird zu einem Klimakiller-Hotspot»

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P.S. 07.01.2022

Der Zuger Klimastreik will, dass die klimaschädlichen Emissionen der Zuger Grosskonzerne in der Öffentlichkeit viel stärker zum Thema werden. In Zürich und Genf, den anderen Rohstoff-Kantonen der Schweiz, scheint die Bevölkerung die aktuelle Situation deutlich kritischer zu sehen als in Zug.

Carlo Schuler

Die in Zug ansässigen Grosskonzerne sind für etwa 1,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich», hielt das Komitee Zuger Klimastreik im Vorfeld seiner Klima-Demonstration vom November dieses Jahres fest. Das Komitee kritisierte damit direkt auch die Klima-Studie «Green Check» der Zuger Wirtschaftskammer. Grosskonzerne wie Glencore, Nordstream, Holcim und BHP Billiton, die alle ihren Hauptsitz in Zug haben, wurden von dieser Studie überhaupt nicht erfasst. Zwar sei klar, dass das Problem des Verkehrs und der Heizungen angegangen werden müsse, schrieb das Komitee. Das völlige Ignorieren der Verantwortung der Grosskonzerne aber beweise ein weiteres Mal das fehlende Verständnis für das Ausmass der Klimakrise.

Zuger Wirtschaftskammer beruft sich auf das «Territorialprinzip»

Karin Kofler, Geschäftsführerin der Zuger Wirtschaftskammer, sagt auf Anfrage, die in Auftrag gegebene Studie basiere auf dem Territorialprinzip: «Das heisst, es wurden diejenigen Emissionen erfasst, die im Kanton Zug entstehen.» Auch die Netto-Null-Ziele der Schweiz würden auf diesem Prinzip beruhen. Die grossen Konzerne wie Roche und Holcim seien in der Studie also mit jenen Emissionen erfasst, die sie im Kanton Zug verursachen. «Unser Ansatz war, dorthin zu schauen, wo wir auch etwas bewegen können - lokal. Hier sind wir verankert, hier haben wir politischen Impact.» Das beurteilt Erich Schmidiger vom Zuger Klimastreik ganz anders. Er sagt, es sei absurd zu behaupten, dass wir nur dort einen politischen Einfluss haben, wo die Emissionen unmittelbar ausgestossen werden: «Die Konzerne unterliegen den Gesetzen am Standort des Hauptsitzes.» Zu behaupten, wir hätten keinen Einfluss auf diese, hiesse, unsere politische Verantwortung nicht wahrnehmen zu wollen. «Das Problem am Territorialprinzip besteht darin, dass dieses bewusst immer vom globalen Norden verwendet wird, weil dieser so am besten wegkommt.» Der grosse Teil der industriellen Produktion sei in den globalen Süden verlegt worden. Im Sinne des sogenannten Territorialprinzips werden die so entstandenen Emissionen damit den Ländern des Südens angerechnet. «In einer globalisierten Wirtschaft sagt aber das Territorium sehr wenig über die Verantwortung aus. Viel eher sagen Konsum und Investitionsquellen etwas über die Verantwortung aus.» Dies mache gerade im Falle der Schweiz mit ihrem riesigen Finanz- und Kapitalmarkt und dem hohen Konsum einen riesigen Unterschied aus.

«Mining» verursacht enormen Strombedarf

Auch der frühere Zuger Nationalrat Jo Lang äusserte sich kürzlich zum Therna. Auf Twitter schrieb Lang: «Mit Kohlen-, Öl-, Gas-, Bitcoin-Firmen wird der Standort Zug zu einem Klimakiller-Hotspot.» Luzian Franzini, Kantonsrat der Zuger Alternative-die Grünen (ALG) sagt: «Ich stimme der Aussage von Jo Lang absolut zu.» Alleine Glencore fordere pro Jahr 106,2 Millionen Tonnen Kohle, was ungefähr 300 Millionen Tonnen CO2 entspreche. «Bitcoins verbrauchen aktuell etwa 140 Terawattstunden (TWh) jährlich.» Das sei vergleichbar mit dem Stromverbrauch von Malaysia mit seinen dreissig Millionen Einwohnerlnnen und weit mehr als der doppelte Verbrauch der Schweiz.

Nach Schätzungen einer Studie der Universität Cambridge komme hierbei 61 Prozent der Energie für die Schürfung dieser Cryptowährungen aus nicht erneuerbaren Energieformen wie Kohle, Gas oder Erdöl, Die Gewinnung von Bitcoins durch das sogenannte «Mining» führe in Schwellenländern zu Stromausfällen und verursache nebst dem gigantischen Strombedarf auch bis zu 12 000 Tonnen Elektroschrott pro Jahr.

Zugs wirtschaftliche Mitverantwortung

Der Kanton Zug stehe in diesem Zusammenhang ganz klar in· der Pflicht. Einerseits sei Zug in Sachen Bitcoin «Pionierstandort», Vor allem aber habe der Standort Zug eine wirtschaftliche Mitverantwortung aufgrund seiner heutigen Stellung. Rund 960 Blockchain-Unternehmen seien derzeit in der Schweiz beheimatet, die Hälfte davon im Blockchain-Mekka Zug. «Als Standort dieser Unternehrnen hat Zug auch eine besondere Verantwortung, dies analog zur Rohstoffbranche.»

Die Klimafrage stelle für Zug ein grosses Reputationsrisiko dar, hält Luzian Franzini fest· «Gerade als reicher Kanton wird von uns natürlich in besonderer Weise erwartet, dass wir unsere nationale und internationale Verantwortung wahrnehmen.» Klimaziele seien nur dann glaubwürdig, wenn sie auch die Zuger Wirtschaft mit einschliessen. Luzian Franzini weist darauf hin, dass der Ruf eines Standortes Iängerfristig auch zu einem entscheidenden Faktor für eine Standortwahl werden könne.

Kanton spricht von einem gemeinsamen «Verbesserunqspfad»

Bernhard Neidhart, Vorsteher des Zuger Amtes für Wirtschaft und Arbeit geht davon aus, dass die Energiewende in der Übergangsphase nicht ohne Kompromisse wie Kohlenenergie und Gas zu erreichen sei. Dabei sei wichtig, dass sich die involvierten Unternehmen den kritischen Fragen stellen müssten. «Genau diesen Ansatz leben wir in Zug und in der Schweiz.» Die öffentliche Hand sei in stetigem Kontakt mit den entsprechenden Firmen. Auch wenn längst noch nicht alle Ziele erreicht seien, so sei man doch «gemeinsam auf einem kritisch-konstruktiven Verbesserungspfad», Anstelle eines Reputationsrisikos für den Standort Zug sehe er primär Potenziale und Opportunitäten,

Wie aber steht es wirklich um solche angekündigten «Verbesserungen»? Kürzlich war zum Beispiel zu lesen, Glencore wolle seinen Kohleanteil vermindern und künftig vermehrt in andere Bereiche investieren. Oliver Classen von Public Eye sagt dazu auf Anfrage, der Kohleanteil an den Einnahmen von Glencore sei primär wegen des Preisverfalls während der Pandemie zurückgegangen. Nun aber seien die Preise wieder hoch, was sich in den kommenden Ergebnissen von Glencore widerspiegeln werde. Glencore sei - zusammen mit der australischen Konkurrenz - nach wie vor der weltgrösste Kohleexporteur. Glencore habe eben erst die verbleibenden zwei Drittel von El Cerrej’on in Kolumbien gekauft. «Dies obwohl sich das Unternehmen vor drei Jahren verpflichtet hatte, seine Kohleförderung zu begrenzen.»

«Es handelt sich um eine Kommunikationswende»

Sarah Antenore, Sprecherin der Firma Glencore, schreibt dazu auf Anfrage: «Die Entscheidung von Glencore, vollständige Eigentümerin der Mine zu werden, steht im Einklang mit unserer Verpflichtung, im Laufe der Zeit unsere Kohleproduktion auf verantwortungsvolle Weise zu verringern, und gefährdet auch nicht unser Ziel, unsere Emissionen bis 2026 um 15 Prozent und bis 2035 um 50 Prozent zu reduzieren.»

In der Vergangenheit habe die Kohle bis zu einem Drittel des Gewinns von Glencore ausgemacht, hält hingegen Oliver Classen von Public Eye fest. «Die Margen bei Kohle sind enorm, weil immer mehr verantwortungsbewusste Akteure aus dem Sektor aussteigen, was ihn zu einem interessanten Feld für risikoreiche Investitionen macht. Das ist das Paradoxe.» lnvestitionen in Kobalt würden nicht auf Kosten der Kohle getätigt. Der aktuelle CEO Nagle habe von seinem Vorgänger Glasenberg auch gelernt, dass man heute an Pressekonferenzen besser über Kobalt als über Kohle spreche. «Es handelt sich also um eine Kommunikationswende, keine Strategiewende.»

Die Steueroptimierung als grosses Problem

Was lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht zur Klimaverantwortung der Zuger Grosskonzerne sagen? Niels Jungbluth und Christoph Meili hatten im Jahre 2018 im Vorfeld der Konzernverantwortungsinitiative (KoVI) im Auftrag des Bundes die Umweltbelastungen untersucht, welche aufgrund der Produktion jener Rohstoffe entstehen, die durch Schweizer Firmen gehandelt werden. Die Studie kam zum Schluss, dass diese Belastungen 19 mal grösser sind als jene, die der private Konsum der Schweizer Bevölkerung verursacht. Für Studienautor Jungbluth steht fest, dass den Rohstofffirmen eine grosse Verantwortung zukommt. So sei aus globaler Sicht zum Beispiel die Steueroptimierung ein grosses Problem. «Die KoVI hätte hier ein Ansatzpunkt sein können.» Die Aktion vor Ort - Verkehr, Warme, Ernährung - hingegen sei politisch klarer und kurzfristig einfacher umsetzbar.

In Zug gebe es eine grosse Ballung globaler Verantwortung- und Entscheidungsstrukturen. «Im Sinne der KoVI wäre es wichtig, diese Entscheidungen dem Schweizer Rechtssystem zu unterstellen und den Abzug von Steuern aus ärmeren Ländern zu unterbinden.» Ein weiterer Ansatz könnte es sein, die durch die Entscheidungen beeinflussten Klimabelastungen auch in politischen Vorgaben zu berücksichtigen.

In Genf und Zurich ist man viel kritischer

Für Oliver Classen von Public Eye trifft die Aussage von Jo Lang, wonach Zug zu einem Klimakiller-Hotspot werde, klar zu. Classen sagt dazu kurz und bündig: «Ein Blick ins Zuger Handelsregister genügt, um zu sehen, dass das zutrifft.» Die Frage sei, in welchem Umfang und ob Genf oder Zürich nicht mindestens so heisse Hotspots seien. Einen Unterschied aber gibt es zwischen den Kantonen Zug, Zürich und Genf ganz offensichtlich - so wie dies kürzlich auch die NZZ sinngemäss festhielt. In den Kantonen Zürich und Genf scheint die Bevölkerung die ganze Entwicklung deutlich kritischer zu sehen als jene von Zug. Ein Hinweis dafür sind die Ergebnisse der Konzernverantwortungsinitiative vor einem Jahr. Der Kanton Zürich stimmte der KoVI mit einem Ja-Anteil von 52,8 Prozent zu, der Kanton Genf gar mit einem Anteil von 64,2 Prozent. Der Kanton Zug hingegen verwarf diese Initiative sehr deutlich. Der Ja-Anteil betrug gerade mal 35,2 Prozent. Ebenso interessant der Vergleich zwischen den Städten. Die Stadt Genf sagte mit 68, 7 Prozent Ja, die Stadt Zürich mit 66,1 Prozent. Die Stadt Zug hingegen lehnte gleich wie der Kanton die KoVI klar ab. Dies mit einem Ja-Anteil von bloss 39,8 Prozent.


DIE REPUTATIONSFRAGE

In der Forschung spreche man von einem negativen «Spillover-Effect», erklärt auf Anfrage Diana lngenhoff, Professorin für Organisationskomunikationder Unlversltät Freiburg. «Das heisst, eine schlechte Reputation eines oder mehrerer Akteure - hier: die in Zug ansässiqen Unternehmen - übertragt sich auf eine andere Entität, hier den Kanton Zug.»

Es stelle sich aber immer die Frage, bei wem, also bei welcher Zielgruppe dieser Effekt eintrete. «Offenbar zeigt sich dieser Effekt unter anderem bei denjenigen, die für Klimafragen sensibilisiert sind und sich zum Beispiel aktiv auf einer Klima-Demo einbringen.» Bei denjenigen, die von den niedriqen Steuern des Kantons profitieren, oder grossen lnvestoren, die von der vorhandenen Expertise und dem Humankapital profitieren wollen, werde dieser Effekt wahrscheinlich weniger stark sein.