Erziehung der Bevölkerung: Hundekurse und Katerstimmung

Aus Energie WM Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

NZZ 13.04.2017

Kolumne von Claudia Wirz

Immer wieder greift die Politik zum Mittel der obligatorischen Nacherziehung der unbescholtenen erwachsenen Bevölkerung. Und immer wieder muss sie zurückkrebsen. Ein teurer Aktionismus.

Wer sich selbständig machen wollte, hatte in der Schweiz ab 2008 eine erfolgversprechende Option. Man konnte Hundetrainer werden und eine Hundeschule aufmachen. Um künftige Kundschaft würde man sich keine Sorgen machen müssen. Denn der Gesetzgeber hatte nach dem Beissunfall in Oberglatt alle Halter zu Zwangskursen verurteilt, obwohl sie mit dem Unfall überhaupt nichts zu tun hatten.

Mit 6000 Fr. Einsatz war man dabei. Für diesen Betrag konnte sich jede und jeder innerhalb eines Dreivierteljahres zum/zur anerkannten Hundetrainer/-in ausbilden lassen, eine Perspektive, die auffallend oft Frauen mittleren Alters anzog. Das Geschäft boomte. Die Hundetrainer-Kurse etwa beim Anbieter Certodog waren ständig ausgebucht. Eine bessere Wirtschaftsförderung hätte sich die Branche nicht wünschen können. Allein im Kanton Aargau spülten die Zwangsausbildungen den Anbietern 600 000 Fr. pro Jahr in die Kassen, Geld, das andernorts fehlte. Den Beweis, dass die Ausbildungen etwas nützen, ist die Kursindustrie bis heute schuldig geblieben. Oft waren die Lektionen faktisch nicht viel mehr als Verkaufsveranstaltungen für allerlei Hundeartikel, was der Chef des zuständigen Amtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, Hans Wyss, zwar wusste, was ihn aber nicht kümmerte.

Nun herrscht verdientermassen Katzenjammer in der Branche. Die unsinnigen Kurse sind seit Anfang Jahr auf eidgenössischer Ebene abgeschafft, ein lobenswerter Vorgang. Das Parlament hat damit bewiesen, dass es fähig zur Selbstkritik ist und auch radikale Korrekturen vornehmen kann, wenn es sein muss. Die Hochkonjunktur der Hundetrainer könnte ein jähes Ende nehmen, wenn die Anbieter keinen Weg finden, die Hundehalter mit marktwirtschaftlichen Mitteln als Kunden zu gewinnen.

Nicht besser als den Hundehaltern ergeht es den Autofahrern, genauer gesagt den Neulenkern seit Dezember 2005. Im Banne der Raser-Problematik führte man damals für die Fahranfänger die sogenannte Zweiphasenausbildung ein. Dieser «Führerschein auf Probe» verpflichtet die Neulenker, an zwei ganztägigen Weiterausbildungskursen, sogenannten WAB-Kursen, teilzunehmen. Die Kurse sind teuer, und ihre Wirkung ist umstritten.

Die Analogie zu den Hundekursen ist frappant, kein Wunder, entstammen doch beide Aktionen der gleichen irrigen Annahme, unerwünschte gesellschaftliche Strömungen oder gar Unfälle liessen sich öffentlichkeitswirksam einfach per Verordnung unterbinden. Und gemeinsam ist den beiden Aktionen auch, dass mit Zwangsabgaben auf Kosten junger Leute oder deren Eltern eine Industrie subventioniert wird. Und genauso wie bei den Hundekursen beharren die Befürworter auch hier auf die Wirksamkeit der Massnahme, ohne dies beweisen zu können.

Schon mehr als einmal ist der teure obligatorische WK für Neulenker politisch in Schieflage geraten. Selbst die Beratungsstelle für Unfallverhütung stellte Schwächen im Kurswesen fest und lieferte Anlass, an der Wirksamkeit der Zwangsbeschulung zu zweifeln. Im Mai werden die Urner im Rahmen einer Standesinitiative darüber urteilen, ob es die Kurse weiter geben soll; es wäre eine Chance, einen lange fälligen Bürokratieabbau in die Wege zu leiten. In Bern gibt man den Kritikern der Kurse zumindest teilweise recht. Man arbeitet an einer Vernehmlassungsvorlage, die die Kurslast auf einen Tag reduzieren soll. Man hört und hofft, dass das Parlament bei den WAB-Kursen vom gleichen Geist beflügelt sei wie bei den Hundekursen.