ENERGIEFORSCHUNG: Urban lebt sich’s mit weniger Energie

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P.S. 04.12.2020, Claudia Nielsen

Stadtzürcher Haushalte verbrauchen weniger Strom als Haushalte im Kanton oder in ländlichen Gebieten. Eine Datenanalyse im Auftrag der Stadt untersucht, woran das liegt und was sich daraus ableiten lässt.

2006 überwies das Stadtzürcher Parlament den Wunsch nach einem Forschungsschwerpunkt Energie, finanziert aus der EWZ-Schatulle. 2010 sprach es dann zehn Millionen Franken über zehn Jahre für ein solches Forschungsprogramm. Die Konzentration auf die beiden Themenbereiche Haushalt und Gebäude war quasi historisch gewachsen. In Anbetracht des substanziellen Anteils der Mobilität am städtischen Energieverbrauch wäre ein dritter Themenbereich dazu schön gewesen, dieses fand teilweise im Themenbereich Haushalt Unterschlupf.

Die vorgestellten Studien gehören zu den letzten aus diesem Forschungsprogramm, das nun in den Abschluss geht. Die Analyse verwendet repräsentative Daten der Schweizerischen Energieverbrauchserhebung. Sie wurden online erhoben und beruhen auf Selbstauskünften.

In der Stadt geht’s einfacher

In der Stadt Zürich liegt der Stromverbrauch 10 bis 13 Prozent unter jenem der Haushalte im Kanton und noch etwas mehr unter jenem in den ländlichen Gebieten. Der Grund dafür dürfte die Nähe zu Arbeit und Dienstleistungen sein sowie ein dichtes Infrastrukturnetz. Diese Rahmenbedingungen unterstützen Verhaltensweisen, die den Energieverbrauch begrenzen. Die Durchschnittsstädterin lebt auf weniger Fläche, besitzt seltener ein Eigenheim oder ein Auto als die Durchschnittsbewohnerin der Vorstadt oder auf dem Land. Auch weniger Geräte besitzt die Städterin. Der Unterschied im Energieverbrauch war derart stabil und signifikant, dass die Studie Aussagen auf Untergruppen zu machen versucht, dabei aber oft an die Grenzen der Repräsentativität gelangt.

Ein Teil des ‹Vorsprungs› der Stadt wird durch den höheren Anteil an Einpersonenhaushalten kompensiert. Jedes zusätzliche Haushaltsmitglied trägt nur etwa 12 Prozent zum Jahresverbrauch des Haushalts bei. So verbrauchen Einzelhaushalte pro Kopf deutlich mehr Strom als grössere Haushalte. Der Stromverbrauch allein wohnender Männer fällt etwa 10 Prozent höher aus als derjenige allein wohnender Frauen. Ihre Geräte sind etwa 5 Prozent weniger effizient. Mieterinnen und Mieter verbrauchen etwa 20 Prozent weniger Strom als Eigentümerinnen und Eigentümer.

Obwohl die Autorinnen und Autoren die Daten bestimmt recht ausführlich ‹geknechtet› haben, haben sie keine signifikanten Belege gefunden, dass die Effizienz der Haushaltsgeräte oder die Zusammensetzung des Strommix’ den Gesamtstromverbrauch steigern. «Dies deutet darauf hin, dass in diesem Bereich der gefürchtete Rebound-Effekt nicht eintritt», vermutet die städtische Energiebeauftragte Silvia Banfi, also dass die Leute anderswo mehr Strom verbrauchen, weil sie ein gutes Gewissen haben. Immerhin werden Energiespartipps von Behörden und Energieversorgern in der Stadt Zürich häufiger beherzigt als im Kanton oder in ländlichen Regionen. Die Zahlen sind allerdings auf tiefem Niveau, so dass die Wirkung üblicher Kampagnen bezweifelt werden darf.

Potenzial für Haushalte ohne Auto 70 Prozent

In der Stadt Zürich verfügt etwa die Hälfte der Haushalte über kein eigenes Auto. Eine andere Studie aus dem Programm zeigt, dass davon wiederum die Hälfte freiwillig autofrei lebt und schätzt das Umsteigepotenzial auf rund 40 Prozent aller Autohalterinnen und Autohalter bzw. 20 Prozent der Haushalte.

Der mit Abstand wichtigste Grund für den Verzicht auf ein eigenes Auto ist die Flexibilität alternativer Angebote. Die eingeschränkte Verfügbarkeit von individuellen Parkplätzen dagegen, Umweltaspekte, die öV-Affinität des sozialen Umfelds, das Kostenverhältnis zwischen der Automobilität und den Alternativen sowie biographische Bruchstellen wie Umzüge oder Stellenwechsel begünstigen die Autofreiheit ebenfalls. Massnahmen zu deren Förderung müssen infolgedessen vor allem Flexibilität und Unabhängigkeit der Mobilitätsangebote auf möglichst viele verschiedene Arten adressieren.

Im kommenden Frühling sollen ein Überblicksbericht und eine Reihe von Veranstaltungen folgen. Der Stadtzürcher Energiebeauftragten Silvia Banfi ist es wichtig, dass auch andere Städte und Entscheidungsträgerinnen und -träger von den Erkenntnissen profitieren können: «Wenn alle zusammenspannen, können wir hochgesteckte Ziele erreichen. Deshalb wollen wir die Erkenntnisse des Forschungsprogramms verschiedenen Zielgruppen und auch in der Tiefe zugänglich machen. Die komplexen Sachverhalte verständlich zu beschreiben, da haben sowohl die Medien wie auch wir von der Verwaltung eine wichtige Aufgabe vor uns.» Wichtig ist der Ökonomin, die selber jahrelang zu Energiefragen geforscht hat, auch die Einordnung und Verknüpfung mit anderen Erkenntnissen. «Aus anderen Studien weiss man, dass ökonomische Anreize wirken, aber nur, wenn sie im Portemonnaie spürbar sind und durch günstige Rahmenbedingungen ergänzt werden.»

Jahr:2020