Comeback des Rotmilans: Der Überflieger

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P.S. 11.3.22

Während zweifelhafte Umweltbedingungen andere Arten arg bedrängen, lässt sich der Rotmilan wenig davon beeindrucken. Noch in den 1970er-Jahren schien der Greifvogel in der Schweiz fast ausgestorben. Wieso gelang ihm ein erstaunliches Comeback?

Angela Bernetta

Immer mehr Rotmilane schweben hierzulande durch die Lüfte und halten erfolgreich Ausschau nach Futter. Demgegenüber geraten die meisten anderen Vögel wegen der intensiven Landwirtschaft arg unter Druck. Dem Rotmilan, nach dem Mäusebussard, Turmfalken und Sperber der häufigste Schweizer Greifvogel, scheint diese wenig auszumachen. Im Gegenteil: Der Milan, ein typischer Mittellandbewohner, hat sein Verbreitungsgebiet über die vergangenen Jahrzehnte stetig ausdehnen können. Mittlerweile erstreckt sich dieses bis in die grösseren Alpentäler. Heute brüten schweizweit rund 3000 Paare. «Lediglich in den Kantonen Genf und Tessin konnten bisher keine Brutnachweise erbracht werden», ergänzt Martin Schuck, Leiter der Abteilung Artenförderung bei BirdLife Schweiz. Im Kanton Zürich stieg die Population zwischen den zwei letzten Zählungen von 1988 und 2008 um 364 Brutpaare an und dürfte bis heute weiter zugenommen haben.

Bevorzugter Lebensraum

Doch wie kommt es, dass der geschickte Flugakrobat mit charakteristischem Gabelschwanz, der in den 1970er-Jahren beinahe ausgestorben war, in der dicht besiedelten und intensiv bewirtschafteten Schweiz ein solches Comeback erlebt? Offenbar gelingt dem bunten Vogel, was vielen anderen Arten schwerfällt: Er passt sich den bisweilen unerfreulichen Umweltbedingungen an. Das dürfte aber nicht der einzige Grund für die Zunahme sein. In Ländern wie etwa Deutschland, Frankreich oder Spanien, wo sich der Rotmilan ebenfalls gerne aufhält, stagnierte oder brach der Bestand in den neunziger Jahren massiv ein. Schuck verortet einen möglichen Grund in den veränderten Agrarkulturen. «Vielerorts in Europa wird heute Wintergetreide wie etwa Raps oder Mais grossflächig angesät, die dicht- und hochwachsend keine guten Nahrungsquellen und ein viel zu weitläufiges Jagdgebiet für den Greifvogel darstellen.» Auch fehle es an Grünland oder Brachen, die der Milan zum Jagen nutzen könne. Demgegenüber findet er in der Schweiz wegen des kleinflächigen Landschaftsmosaiks mit verschiedenen landwirtschaftlichen Kulturen einen guten Lebensraum mit reichlich Nahrungsmöglichkeiten. Wohl auch deshalb befinden sich etwa zehn Prozent der europäischen Rotmilan-Population in der Schweiz.

Opportunistischer Jäger

Ein weiterer Grund für die Zunahme dürfte die Wahl des Futters sein. Der Milan ist wenig anspruchsvoll und sehr anpassungsfähig. So findet er Nahrung auf frisch geschnittenen Wiesen genauso wie in gepflügten Äckern. «Gerne folgt er den Traktoren auf dem Feld und sammelt verendete Insekten, Regenwürmer und Kleinsauger ein», ergänzt Schuck. Da er auf verschiedene Futterquellen auszuweichen weiss, setzt ihm das Insektensterben in den Landwirtschaftszonen kaum zu. Denn der Greifvogel verschmäht weder Aas, das entlang Strassen und Bahngeleisen liegt, noch scheut er menschliche Siedlungen, wo er sich nach erfolgloser Kleinsauger- und/oder Vogeljagd an weggeworfenen Essensresten und Abfällen bedient. Kommt hinzu, dass der Milan auf Bäumen nistet, was seine Brut vor den Gefahren einer intensiven Landwirtschaft schützt.

Auch den Klimawandel weiss der elegante Segler zu nutzen: Dank milderer Winter und Zufütterung nehmen heute immer weniger seiner Art die beschwerliche und gefährliche Reise in die Mittelmeerregion unter die Flügel. Waren solche Überwinterungen noch vor wenigen Jahrzehnten die Ausnahme, verbringen heute über 4000 Rotmilane die kalte Jahreszeit in der Schweiz. Dies bewahrt einige vor dem sicheren Tod etwa durch Windräder, Überlandleitungen oder Giftköder. Schuck ergänzt: «Dadurch hat auch die Sterblichkeit der Altvögel abgenommen, was ein weiterer Grund für die beobachtete Zunahme sein dürfte.» Neben den Altvögeln erhalten auch die Brutpaare Aufwind: Erhebungen zufolge sollen die Brutbestände vor allem dort zugenommen haben, wo die Zahl der uberwinternden Vögel gewachsen ist.


DER SCHWARZMILAN

Auch die Bestände des Schwarzmilans haben in der Schweiz leicht zugenommen. Martin Schuck, Leiter der Abteilung Artenforderung bei Birdlife Schweiz, ergänzt: «In der Schweiz gibt es heute zwischen 2000 und 3000 Brutpaare.» Die Art sei vor allem in der nordwestlichen Hälfte der Schweiz verbreitet mit Schwerpunkt im Südwesten des Genfersees. Da der Greifvogel baumreiche und gewässernahe Regionen favorisiere, übt die Landwirtschaft weit weniger Einfluss auf sein Befinden und Überleben aus. Im Gegensatz zum Rotmilan ist der Schwarzmilan ein Langstreckenzieher und verbringt den Winter in Afrika. Er ist von März bis Oktober bei uns zu sehen und erkennbar an einem weniger auffallend gefärbten Gefieder. net.