Bei Sonne und Wind droht Abschalten

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klimaretter.info, 07. Februar 2017

2050 soll die Bundesrepublik weitgehend klimaneutral sein – bis dahin reicht auch der "Energy Brainreport 2017", in dem das Beratungsunternehmen Energy Brainpool die Zukunft des Strompreises vorhersagt. Geschäftsführer Tobias Kurth stellt die Studie heute auf der Messe E-World in Essen vor. Die Strommarkt-Experten errechneten auch, dass eine Umstellung der privaten Autoflotte auf E-Mobilität positiv auf Strompreis und Klimaschutz wirkt, wie Kurth betont.


Tobias Kurth, studierter Wirtschaftsingenieur, ist seit 2013 bei der Energy Brainpool GmbH & Co. KG tätig, seit April 2015 als Geschäftsführer. Seine Schwerpunkte sind die Markentwicklung der erneuerbaren Energien sowie Strompreisprognosen als Grundlage für Investments und Finanzierungen. Im Gespräch mit klimaretter.info lässt Kurth keinen Zweifel daran, dass die Tage der alten Stromwelt gezählt sind.


klimaretter.info: Herr Kurth, in Ihrem Energy Brainreport 2017 rechnen Sie auch aus, wie viel erneuerbarer Strom für eine Umstellung des privaten Autoverkehrs auf hundert Prozent E-Mobilität neu zu installieren wäre: 63 Gigawatt mehr an Wind- und Solarkapazität. Derzeit verfügt Deutschland über 80 Gigawatt bei Sonne und Wind – und der Zubau verlangsamt sich. Wo sollen da Ihre 63 herkommen?

Tobias Kurth: Die sind noch nicht einmal alles: Die 63 Gigawatt kämen zu den 230 Gigawatt Kapazität dazu, die wir bereits in unserem Standardszenario auf Basis des EEG 2017 für das Jahr 2050 modellieren. Die Frage, die wir auch mit der Untersuchung aufwerfen, ist doch aber: Was wollen wir? Derzeit wird der Zubau bei den Erneuerbaren begrenzt, weil dessen Kosten zu hoch sein sollen. Wenn wir aber unsere Klimaziele ernst nehmen, müssten wir eigentlich eine Schippe drauflegen.

Gerade beim Verkehr. Da wurden seit 1990 bisher so gut wie keine Emissionen eingespart.

Die Umstellung der privaten Autos auf E-Mobilität ist ein ganz realistisches Szenario. Wir haben einfach geschaut: Wie viel Erneuerbare können wir zubauen, wenn wir uns beim Strom in etwa auf demselben Preisniveau im Großhandel wie heute bewegen und zugleich die CO2-Reduktion vorantreiben wollen? Es macht ja wenig Sinn, auf E-Mobilität umzusteigen, wenn der Strom aus fossilen Energieträgern kommt.

Am Ende waren wir selbst überrascht, dass ohne große Änderungen des Strompreises ein Zubau von 63 Gigawatt möglich ist und die CO2-Emissionen im Strommarkt und im privaten Verkehrssektor – verglichen mit 2015 – um rund 70 Prozent sinken können. Eine solche Umstellung der Mobilität würde also entscheidend zu einer kostengünstigen Dekarbonisierung beitragen.

In Ihrem Szenario bleibt die Zahl der privaten Pkw gleich, diese werden "nur " elektrisch. Das erscheint nicht konsequent ökologisch.

Wenn die E-Mobilität – in welcher Form auch immer – kommt, sind vielfältige Entwicklungen denkbar. Wir haben ein mögliches Szenario genommen, bei dem die Quote der privaten Autos tatsächlich gleich bleibt und nur elektrifiziert wird.

Ich persönlich glaube, dass die Anzahl der Autos rapide sinken wird, weil wir die E-Autos sehr viel mehr gemeinsam nutzen werden. Dennoch ist ein weiterer Zubau bei den Erneuerbaren notwendig. Insofern sollten wir weiter darüber nachdenken, wie wir den effizient und effektiv gestalten – ob das durch eine Nach-EEG-Regelung oder durch die heutigen Instrumente zu erreichen ist, ist dann noch mal eine andere Frage.

Und was passiert mit dem Strompreis, wenn alle privaten Pkw "E" sind?

In den letzten Jahren führte der Zubau an erneuerbarer Stromerzeugung ja dazu, dass der Großhandelspreis beim Strom sank und die EEG-Umlage anstieg. Dieser Effekt würde durch die zusätzliche Nachfrage, die sich durch die E-Mobilität ergibt, "geglättet". Die Strompreise im Großhandel explodieren nicht, sondern werden sich stabilisieren.

Können Sie auch den Besitzern von EEG-Anlagen, die ab 2020 nach und nach aus der EEG-Förderung herausfallen und ihren Strom dann auf dem freien Markt verkaufen müssen, Hoffnung machen?

Einen Preisausblick für Strom in Deutschland bis 2050 zu geben, das leistet ja unser Report im Kern. Und wir weisen da auch entsprechend die Markterlöse für die sogenannte fluktuierende Erzeugung, also Wind und Photovoltaik, aus.

Bei der Überlegung, was zum Beispiel eine Windkraftanlage dann am Strommarkt verdienen kann, wird oft der Fehler gemacht, dass man eben nur auf den Durchschnittspreis an der Börse achtet. Das sind gegenwärtig die berühmten drei Cent pro Kilowattstunde. Das ist aber nicht der richtige Ansatz. Denn welche Solar- oder Windanlage erzeugt denn sieben Tage die Woche jeweils 24 Stunden lang Strom?

Keine.

Eben. Deswegen sind die drei Cent nicht der richtige Benchmark. Die eigentliche Frage – und das modellieren wir stundenscharf bis 2050 – ist: Wann kann ich den Strom aus dieser Erzeugung verkaufen und wie viel ist der Strom in diesen Stunden dann wert?

Gegenwärtig liegt der Preis für Solar- und Windstrom oft unter den drei Cent, weil es generelle Probleme gibt: Die Erzeugung kann sich nicht an der Nachfrage ausrichten und zudem produzieren alle Anlagen einer Technologie nahezu gleichzeitig. Deswegen neigt der Marktpreis für Strom aus Wind und Sonne dazu, sehr niedrig zu sein.

Dazu kommen Zeiten, in denen die negativen Strompreise auftreten. Die fluktuierende Erzeugung kann man aber – im Gegensatz zu Kohle- und Atomkraftwerken – abschalten. Besitzer von Solar- und Windkraftanlagen werden nach 2020, wenn sie aus dem EEG herausgefallen sind, dann ihre Erzeugung einfach öfter vom Netz nehmen.

Dennoch sieht es in den 2020er Jahren, sagen unsere Prognosen, für Solar- und Windstrom noch ganz gut aus, weil der Strompreis am Markt steigen wird.

Wegen des Kohleausstiegs?

Nein, zunächst aufgrund des Kernkraftausstiegs. Zugleich wird es wegen der Pariser Klimaziele Erhöhungen im CO2-Preis geben müssen, ob nun durch einen Mindestpreis oder den Emissionshandel, sei dahingestellt.

Generell wird der Energiemarkt von morgen, der 3-D-Energiemarkt, getrieben werden von ...

... drei Ds?

... Dekarbonisierung, der Dezentralisierung und der Digitalisierung. Vor allem durch die Digitalisierung mit einer Vielzahl von IT-Lösungen entsteht ein riesiges Potenzial an Geschäftsmodellen, die über die klassische Energieversorgung hinausgehen.

Ohne Digitalisierung lässt sich vermutlich der künftige Kraftwerkspark mit Millionen dezentraler Erzeuger gar nicht beherrschen.

Das ist gar nicht so schwer, denn Solar- und Windkraftanlagen kann man anhand der Wetterdaten ganz gut zusammenfassen. Wirklich interessant wird es erst, wenn der Strompreis zwischen Erzeuger und Verbraucher wirklich dynamisch würde und wir in Deutschland zum Beispiel die tatsächlichen Transportwege einpreisen würden, um den regionalen Ausgleich zu fördern.

Oder wenn man die berühmte Waschmaschine nachts laufen lässt, weil der Strom preiswerter ist.

Die Waschmaschine, die laufen soll, wenn der Strom billig ist, ist, vermute ich, eine Entwicklung von Ingenieuren, die nicht selber waschen. Die Idee geht völlig an der Realität vorbei. Ich zum Beispiel wasche meine Sachen dann, wenn ich Zeit habe, sie auch aufzuhängen. Da ist mir der Strompreis jetzt und wird mir auch in Zukunft ziemlich egal sein.

Auch wenn sich solche Einsparungen summieren würden, wenn Millionen Haushalte ihr Verbrauchsverhalten ändern, macht der Verbrauch der privaten Haushalte am Ende nur 25 Prozent der gesamten Stromnachfrage aus. Der "Rest" ist Industrie und Gewerbe – und vor allem da gibt es riesige Potenziale für eine flexible Nachfrage.

Wie soll das funktionieren?

Bei automatisierten Produktionsprozessen könnte man zum Beispiel verschiedene Steuerungssignale eingeben, unter anderem, dass das Werkstück immer produziert wird, wenn der Strompreis günstig ist. Gibt es jedoch prozessinterne wichtigere Gründe, wird der Strompreis ignoriert.

Ich selbst habe kürzlich ein Spritzgussunternehmen beraten, bei dem der Strom der wichtigste Kostenfaktor ist. Das fertige Teil kostet nur wenige Cent und ist sofort deutlich billiger, wenn der Großhandelspreis des Stroms nach unten geht. Das Unternehmen richtet seinen Maschinen-Einsatz nun gezielt nach dem Strompreis aus. Wenn wir solche Preissignale noch verstärken, können wir noch ganz andere Reserven an Flexibilität erschließen.

Bislang favorisiert man für den Ausgleich von schwankender Ökostrom-Erzeugung und Verbrauch vielfältige Stromspeicher.

Selbst wenn jemand mit einer superflexiblen und unendlich verfügbaren Speicherlösung um die Ecke kommt, wird in der in Stromwelt von morgen, die sich am Wetter ausrichtet, nichts daran vorbeiführen, dass die Nachfrage mehr und mehr der Stromproduktion folgt. Mit diesen Sachen wird der Verbraucher direkt aber gar nicht so viel zu tun haben. Die Digitalisierung in einer automatisierten Welt wird in einer Art Hintergrundprozess ablaufen, von dem wir gar nicht so viel mitbekommen. Das führt uns auch zurück zur E-Mobilität.

Wie das?

Viele sehen es mit Skepsis, wenn ihr E-Auto künftig auch als Speicher dienen soll, dem Strom auch wieder entnommen werden kann. So weit muss es aber gar nicht kommen. Schon die Effekte, die sich durch unterschiedliche Ladegeschwindigkeiten erzielen lassen, sind gigantisch.

... anders gesagt: Wenn es einige Stunden dauert, das E-Auto voll aufzuladen, wird also in Zeiten mit Stromüberangebot schneller, in anderen Zeiten langsamer geladen.

Eine letzte Frage: Seit mehr als drei Monaten herrscht vom Wetter her eine "kalte Dunkelflaute" über Deutschland: Viel Nebel und Wolken, wenig bis gar kein Sonnenschein und auch wenig Wind. Wie lässt sich dieses Kernproblem der Energiewende lösen?

Das saisonale Speicherproblem ist sehr spannend. Ich möchte da aber nicht vorgreifen, weil wir das Thema der "kalten Dunkelflaute" in der nächsten Zeit untersuchen und dann fundierte Aussagen treffen können. Das Problem scheint einfacher lösbar zu sein als gedacht, aber wir werden auf andere Speicherlösungen zugreifen müssen als Batterien und E-Mobilität.

Interview: Jörg Staude