«Entstehungskosten für Strom von EWZ werden nicht steigen» (vollständiger Text)

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Tagblatt der Stadt Zürich, 9. Februar 2022

Von Sacha Beuth

Strom wird immer knapper und teurer. Weitere ausserordentliche, aber auch strukturelle Mangellagen könnten die Situation noch verschärfen. Dank eigener Produktionsstätten ist Zürich laut EWZ-Direktor Benedikt Loepfe (55) in Sachen Versorgung und Preisstabilität in einer vorteilhaften Position – aber nicht sorgenfrei.

In Westeuropa sind in den meisten Ländern die Energiepreise in letzter Zeit massiv angestiegen. Dies trifft nicht nur Erdöl und Gas, wo der Anstieg am stärksten erfolgte, sondern auch den Strom. Die Konsumentinnen und Konsumenten müssen demzufolge deutlich tiefer in die Tasche greifen. Für die Bevölkerung der Stadt Zürich ist in dieser Beziehung eher Entspannung angesagt. Trotz stark gestiegener Netznutzungstarife ist hier der Strom zu Beginn des Jahres 2022 nur minim teurer geworden. Wer das ökologischste und teuerste Produkt «ewz.pronatur» bezieht, kann sich sogar über eine kleine Einsparung – für einen Vierpersonenhaushalt 20 Franken pro Jahr – freuen. Und doch sieht die Entwicklung der Energiepreise und -versorgung laut EWZ-Direktor Benedikt Loepfe nicht besonders rosig aus.

Wie kommt es, dass EWZ beim Strompreis gegenwärtig entgegen dem westeuropäischen Trend handeln kann?

Benedikt Loepfe: Im Gegensatz zu vielen anderen Energieversorgungsunternehmen in der Schweiz können wir auf eine eigene Produktion zurückgreifen. Wir sind also zum überwiegenden Teil unabhängig vom Markt, müssen kaum hinzukaufen und können unseren Privatkunden den Strom zu einem Preis anbieten, der auf den Entstehungskosten basiert. Weil diese zuletzt leicht gesunken sind, geben wir die Reduktion an unsere Kunden weiter.

Wie sieht es bei der Strompreisentwicklung für die nähere Zukunft aus?

Die Entstehungskosten für den Strom von EWZ werden dieses Jahr nicht steigen. Das kann ich garantieren. Und auch für 2023 rechne ich mit Preisstabilität. Eine andere Frage ist, was ab 2023 beim Preis für die Netznutzung geschieht, die ja ebenfalls einen Teil des Totalstromtarifs ausmacht. Hierfür ist die Tarifgestaltung der Swissgrid abzuwarten und hier kann es wie letztes Jahr zu einem Anstieg kommen. Ebenso erwarten wir bei den Abgaben und Leistungen wie 2000-Watt-Beiträge Erhöhungen, da wir den Ausbau der erneuerbaren Energien fördern. Selbst dann stünden wir im Vergleich zu anderen europäischen Ländern immer noch sehr gut da. Bei uns in der Schweiz beträgt der Durchschnittspreis für Haushalte aktuell rund 21 Rappen pro Kilowattstunde, in Deutschland liegt er bei rund 30 Eurocent.

Bundesrat Parmelin und mehrere bürgerliche Parteien, allen voran die SVP, warnten kürzlich vor einer Stromknappheit für die Schweizer Bevölkerung und die hiesigen Unternehmen. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Hier muss man zwischen zwei verschiedenen Situationen unterscheiden. Bundesrat Parmelin sprach die Gefahr einer ausserordentlichen Mangellage an, also eines mögli­chen Versorgungsengpasses, der durch mehrere ungünstige Konstellationen entsteht und kurzfristig oder zumindest nur vorübergehend erfolgt. Er riet den Unternehmen, sich für solche Fälle vorzubereiten. Derweil warnten Teile der Bürgerlichen und das Bundesamt für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation von Bundesrätin Simonetta Sommaruga vor einer strukturellen Mangellage für die kalten Monate zwischen Januar und April für Europa, was auch die Schweiz betreffen würde beziehungsweise schon betrifft. Beide Szenarien sind realistisch.

Was ist, wenn sich die Ukrainekrise weiter zuspitzt? In Europa gibt es viele Gaskraftwerke, die vom Gas aus Russland abhängig sind und auch Strom in die Schweiz liefern. Drehen die Russen den Hahn zu, dürfte der Strom somit auch für uns teurer und gegebenenfalls knapper werden.

Zumindest eine Verteuerung des Strompreises ist dann gut möglich. Ob dadurch auch die Versorgungssicherheit beim Strom in Gefahr gerät, entzieht sich meiner Kenntnis. Vermutlich wäre das Problem aber lösbar. Bei der Versorgungssicherheit kommt es wie gesagt auf die Konstellation an, sie ist in der Regel auf mehrere Schultern verteilt. Dieses Jahr fällt bereits ungünstig ins Gewicht, dass Strom aus Frankreich knapp ist, weil dort gleich mehrere Atomkraftwerke zu Revisionszwecken vorübergehend abgestellt wurden.

Inwieweit wirkt sich das gescheiterte Stromabkommen mit der EU auf die Strompreise und auf die Versorgungssicherheit aus?

Einerseits sind wir technisch Teil des europäischen Systems. Andererseits funktioniert der Markt aber auch ohne die Schweiz. Als Reaktion der EU auf das gescheiterte Rahmenabkommen durch die Schweiz sind wir nun informativ aussen vor. Das heisst in der Praxis, dass wir dem europäischen Stromnetz zwar weiterhin zur Verfügung zu stehen haben, aber quasi vor einem dunklen Bildschirm sitzen und nicht wissen, was zwischen den einzelnen Ländern ausgehandelt wird und wer wem wie viel Strom liefert und wie stark das Swissgrid-Netz dabei belastet wird. Das kann wiederum zur Folge haben, dass Swissgrid, statt eine allfällige Energielücke in der Schweiz zu füllen, ihre Kräfte in die Stabilisierung des Netzes stecken muss.

Tatsache ist, dass schon seit längerer Zeit in der kalten Jahreszeit Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden muss, um die Versorgung zu gewährleisten. Gewisse Kreise fordern, eigene Gaskraftwerke zu errichten, um somit unabhängig von den Lieferungen und Preisen aus dem Ausland zu sein. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Die Frage ist, wie autark wir sein wollen. Die Reaktion auf den Verhandlungsabbruch beim Rahmenabkommen hat meines Erachtens vielen die Augen geöffnet, dass eine gewisse Unabhängigkeit nötig ist. Abgesehen davon beschränken sich die Fälle, in denen wir ausländischen Strom hinzukaufen müssen, auf jeweils einige Stunden oder Wochen im Winterhalbjahr. Nun könnte man dafür Wasser in den Stauseen zurückhalten. Allerdings zeigen Berechnungen, dass dies mit den heutigen Kapazitäten allein nicht reichen wird. Also braucht es Reservekraftwerke. Wenn der Zubau der erneuerbaren nicht schnell genug gelingt, müssen alternative Kraftwerke technologieneutral ausgeschrieben werden. Hier hätten Gaskraftwerke bezüglich Kosten und zeitlicher Umsetzbarkeit gegenüber anderen Technologien momentan die Nase vorn.

Könnte ein Gaskraftwerk, das nur zu Spitzenzeiten in Betrieb ist, überhaupt rentabel Strom produzieren?

Nein. Die Erstellung eines solchen müsste über einen Netzzuschlag geregelt werden, den dann alle Stromabnehmer zu berappen hätten. Und die Mehrkosten für den Betrieb, den die Stromversorger und -händler mit einer unausgeglichenen Versorgungsbilanz finanzieren müssten, würden wohl auf die Kunden dieser Versorger abgewälzt werden.

Gibt es in der Schweiz genügend nichtfossile Alternativen, um den Strombedarf jederzeit zu decken?

Es gäbe genügend, aber leider sind die allermeisten Projekte, die in der Planung sind – darunter neue Wasserkraftwerke oder Windparks in der Westschweiz – juristisch durch Einsprachen blockiert oder es fehlen die dazu nötigen kantonalen Richtpläne. Seit 13 Jahren sind wir dran, einen Windpark im waadtländischen Mollendruz zu realisieren und haben schon Unsummen in das Projekt gesteckt. Ähnlich steht es um die Projekte an der Grimsel. Insofern begrüssen wir es sehr, dass der Bundesrat kürzlich beschlossen hat, die Baubewilligungsverfahren unter Berücksichtigung der Umweltvorgaben für derlei Projekte zu beschleunigen. Im Übrigen kann jeder Liegenschaftenbesitzer sein Scherflein beitragen, indem er, wenn immer möglich, auf seinem Haus Solaranlagen installiert.

In den letzten Jahren wurde sehr viel in den Ausbau von erneuerbaren Energien investiert. Doch schaut man sich an, in welchem Tempo die Elektrifizierung und Dekarbonisierung voranschreitet, scheint der Ausbau mit der Entwicklung nicht standhalten zu können …

Beim Ausbau von erneuerbaren Energien müssen wir – man verzeihe mir den Begriff – Gas geben. Solche Vorhaben müssen noch stärker gefördert werden. Eine Solaranlagenpflicht kann dabei helfen oder auch indem man höhere Anreize zur Investition in solche Anlagen schafft. Positiv ist, dass wir immer effizienter werden und in den letzten Jahren in Zürich trotz Bevölkerungswachstum einen Verbrauchsrückgang beim Strom vermelden konnten.

In Europa, aber auch in der Schweiz mehren sich die Stimmen, dass die Abkehr vom an sich klimaneutralen Atomstrom falsch war oder zumindest verfrüht geschah. Ist eine Rückkehr zum Atomstrom überhaupt noch möglich?

Wir müssen das Problem bis 2050 lösen. Um bis dahin ein neues AKW durch das Bewilligungsverfahren zu bringen und zu bauen, reicht die Zeit nicht. Zudem will auch kein Betreiber ein Atomkraftwerk bauen, da es zu teuer ist. Und neue Nukleartechnologien stehen noch nicht zur Verfügung. Insofern ist die ganze Diskussion darüber unnötig.

Es ist eine Binsenwahrheit, dass der am meisten spart, der möglichst wenig verbraucht. Ungebundene Grosskunden mit hohem Verbrauch zahlten bei EWZ bislang einen niedrigeren Tarif als gebundene Privatkunden. Werden hier nicht falsche Anreize gesetzt?

Das hat sich geändert. Seit diesem Jahr zahlen ungebundene Grosskunden (Firmen, die ihren Stromanbieter frei wählen können, die Red.) mit einem Verbrauch von über 100 000 kWh pro Jahr zum Teil einen sehr viel höheren Tarif als Privatkunden. Zudem erhalten Unternehmen, die an unser Förderprogramm angeschlossen sind, einen Effizienzbonus, wenn sie weniger Strom als vereinbart verbrauchen. Die Privatkunden wiederum profitieren vom Umstand, dass wir im Gegensatz zu vielen anderen Energieunternehmen keine Grundgebühr für den Strom verlangen. Man zahlt nur, was man tatsächlich verbraucht.

EWZ bietet ausschliesslich Naturstrom aus erneuerbaren Energien, also Strom aus Wasser, Sonne und Wind, an. Was aber, wenn eine finanziell nicht auf Rosen gebettete und nicht so ökobewusste Stadtzürcher Familie lieber günstigeren Strom aus fossilen Energien oder eben Atomstrom wünscht?

Erstens haben wir seitens der Stadt den Leistungsauftrag, erneuerbare Energie zu liefern. Und zweitens sind die Kosten unserer erneuerbaren Energie konstant. Als der Preis für Strom aus fossilen oder nuklearen Quellen günstig war, bezahlten die Zürcherinnen und Zürcher mehr. Heute nun profitieren sie umgekehrt von der veränderten Situation.