WINTERTHUR: Klimaschutz auf Gemeindeebene

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P.S. 08.10.2021

Abschreiben wie in der Schulzeit? Der zweite Klimadialog bietet Gemeinden im übertragenen Sinn an, gegenseitig Ideen zur Erreichung des Netto-Null-Ziels abzuschauen. Die Projekte decken Themen von Energie bis zum Bereich Ernährung ab. Eins ist klar: Klimaschutz erreichen die Zürcher Gemeinden nur mit einem Dialog nicht.

Natali Abou Najem

Nach erfolgreichem erstem Online-Klimadialog, der während der Coronazeit vom Kanton aufgegleist wurde, fand der zweite nun in Person statt: diverse Gäste aus der Politik und Wirtschaft sowie zahlreiche Zürcher Gemeinderätlnnen trafen vergangene Woche am Freitag in der Eulachhalle in Wintertur ein. «Der Klimadialog muss Tradition werden», so begrüsste Jacqueline Fehr (SP) die Anwesenden. Der Klimadialog hat das Ziel, verschiedene Zürcher Gemeinderäte in Verbindung zu bringen, damit sich auf Gemeindeebene etwas in Richtung Klimaschutz bewegt. Wie wichtig dieses Engagement ist, zeigte sich bei der Frage, wie die Stimmung nach der Ablehnung der gesamtschweizerischen Abstimmung zum C02-Gesetz war. Der Präsident des Verbands der Gemeindepräsidien Jörg Kündig (FDP) gab kund, class die Ablehnung keinen dramatischen Einfluss hatte, da die Zürcher Gemeinden unabhängig vom Bund Projekte planen und umsetzen. Auch Regierungsrat Martin Neukom (Grüne) stimmte dieser Aussage zu: «Egal was abgestimmt wird, die Gemeinden arbeiten weiter an Massnahmen zum Klimaschutz.»

Herausforderung Klimaschutz

Diese Massnahmen wurden auch in einem zweiten Teil des Dialogs präsentiert. Konkrete Kampagnen, Projekte und Möglichkeiten führten einige Vorzeige-Gemeinden den Anwesenden vor. Winterthur machte sich die Ernährung zum Projekt: Die Kampagne Stadtgemüse geht gegen Lebensmittelverschwendung und die verursachte C02-Belastung, die durch die Wahl der Lebensmittel in privaten Haushalten entsteht, vor. Umgesetzt wurde eine Stadtgemüse-Woche, bei der Klimamenüs in Restaurants angeboten wurden, Schulklassen Hochbeete angelegt haben und ein Stadtspaziergang angeboten wurde, der kulinarische Höhen versprach – unter anderem Brennesselpesto.

Die Stadt Uster zeigte, wie wirksam ein Bürgerpanel für mehr Klimaschutz sein kann, indem eine Gruppe direkt aus der Bevölkerung Nachhaltigkeitsthemen bearbeitete. Die Gruppe arbeitete an zwei Wochenenden intensiv an der Fragestellung, wie und warum Uster das Klima schonen will, indem Abfalle vermieden werden und der Fokus auf bewussten Konsum gesetzt wird. Am kommenden 4. November stellen sie die Ergebnisse der Bevölkerung vor.

Wädenswil probiert sich in der E-Mobilität: Idee ist es, bis 2050 den motorisierten Verkehr in der Stadt Wädenswil komplett klimaneutral zu gestalten. Dafür wurden im Umgang mit E-Mobilität strategische Entwicklungsziele mit einer Etappenplanung und Kostenfolgen formuliert. Nicht nur E-Mobilität ist das Ziel, so soll auch der Strom aus erneuerbaren Quellen stammen. Dieser Masterplan soll bis Ende Jahr dem Stadtrat überreicht werden, der dann für die Umsetzung zuständig sein wird. Energiegesetz Teil der Lösunq?

Konkrete Lösungen brachte der Klimadialog keine, eine Menge Herausforderungen schon: Zusammengefasst !assen sich hier fehlende personelle Ressourcen, fehlende Infrastrukturen, Klarheit und Sicherheit nennen. Erwarten tun aber alle eines: mehr Unterstützung. Sei es durch Vorgaben auf kantonaler oder Bundesebene, in Form von Fachwissen oder der Bevölkerung selbst. Regierungsrat Martin Neukom verweist auf eine Möglichkeit im Bereich Energie, die die Gemeinden durch Vorgaben unterstützen könnte: die kantonale Abstimmung am 28. November zum Energiegesetz (siehe P.S. von letzter Woche). Dieses Highlight wurde zu Beginn der Veranstaltung präsentiert: «Grundsätzlich geht es darum, dass jede kaputte Öl- oder Gasheizung zwingend durch ein klimaneutrales Heizsystem ersetzt wird.» Die Verordnung sieht aber Ausnahmen vor: Der Umstieg auf klimaneutrale Heizsysteme ist nur verpflichtend, wenn es technisch und finanziell möglich ist. Das soil verhindern, dass zu hohe Kosten für HauseigentümerInnen und somit Zwangsverkäufe entstehen. Auch sind Spielräume für Gemeinden geplant, die weitere Ausnahmen formulieren dürfen.

Neukom erwähnte zwar, dass Veränderungen immer Widerstand generieren, jedoch müssen sich Gemeinden manchmal etwas mehr zutrauen und einfach machen. Dabei blickte der Regierungsrat auf den Kanton Glarus: «Die Landsgemeinde in Glarus hatte den Antrag eines 19-Jährigen Klimaaktivisten angenommen und nahm ein tiefergreifenderes Energiegesetz an, als ursprünglich geplant.» Der Föderalismus verhindere den Klimaschutz nicht, sondern habe den Vorteil, dass auf jeder Ebene etwas ausprobiert werden kann und adere davon abschauen können. Dies machte auch der Regierungsrat beim Energiegesetz.

Winterthurer Spatenstich

Winterthur feierte am vergangenen Montag einen Meilenstein im Einklang mit dem Energiegesetz und dem Erreichen des Klimaziels: Im Quartier Grüze beginnen die Bauarbeiten zum Anschluss an das Fernwärmenetz der Kehrichtverwertungsanlage. Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) durfte beim Spatenstich an der Rudolf-Diesel-Strasse gleich selbst Hand anlegen: «Der heutige Spatenstich ist ganz wichtig, da es Teil der Strategie ist, die ganze Stadt auf erneuerbare Energie umzustellen.»

Erste Abnehmer des Fernwärmenetzes werden die beiden grossen benachbarten Energieverbraucher Coop und das Winterthurer Berufsvorbereitungszentrum Profil. In Zukunft werden sie und weitere Liegenschaften an der Rudolf-Diesel-Strasse mit der Wärme beheizt werden, die durch die Abfallverbrennung entsteht. Die Stadt kann dadurch tonnenweise C02-Emissionen senken. Der Leiter des Wärmeverbunds Felix Winter informierte, dass es zu einer weiteren Abstimmung in den folgenden zwei Jahren kommen wird: Geplant ist, zusätzlich die Abwärme aus dem Rauchgas zu verwenden und eine Wärmepumpe zu installieren. Damit werden weitere Schritte zur Ablösung von fossiler Energie unternommen. Winter warnt jedoch: «Generell ist es wichtig, dass nicht nur wärmetechnische Anlagen saniert, sondern auch Gebäude richtig isoliert werden, damit die Menge an Energie, die es zum Heizen braucht, reduziert wird.» Nur so könne überhaupt mit erneuerbarer Energie geheizt werden. Im Mai 2022 sollen die sechs Millionen Franken teuren Bauarbeiten beendet sein und die Unannehmlichkeiten der Nachbarschaft durch ökologische Wärme wieder gutgemacht werden.