Ruedi Lais (1953 – 2021): Wir trauern um einen grossen Politiker und Genossen

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P.S. 08.10.2021

Ruedi Lais war Mensch und Politiker – beides mit Leidenschaft und leidenschaftlich gern. Bis ganz zuletzt hat er gekämpft und gehofft – auf einen Sieg über den giftigen Krebs, auf weitere Jahre in der Zürcher Politik und auf den krönenden Abschluss seiner politischen Karriere als Kantonsratspräsident. Es war ihm nicht vergönnt. Das ist unendlich traurig und macht uns betroffen.

Die SP hat Ruedi im vergangenen Frühling für die Präsidiallaufbahn vorgeschlagen, weil er alles mitbrachte, was einen guten Präsidenten ausmacht: Natürliche Autorität, langjährige Erfahrung, Persönlichkeit, rhetorische Klarheit und fundiertes Wissen über die parlamentarische Arbeit mit all ihren Verästelungen. Er war inhaltlich und formal ein wandelndes Lexikon. Er hatte die Geschäftsliste des Rates ebenso im Griff wie die verschiedenen komplizierten Proporzberechnungen für alle Ämter im Entscheidungsbereich des Kantonsrats. Einen Fehler in der Berechnung der Sitzzuteilung beim doppelten Pukelsheim korrigierte der Rat postwendend und einmütig, nachdem Ruedi das Problem erkannte hatte und in der Sache aktiv geworden war.

Ruedi war seit Jahren Berufspolitiker, im wahrsten Sinn des Wortes: Er betrieb Politik mit höchster Professionalität und hohem moralischen Anspruch. Die Stärkung der kantonalen Legislative war ihm ein Herzensanliegen. Bei Ausbruch der Corona-Krise war er federführend im Bemühen, die Arbeit des Parlaments auch unter Lockdown-Bedingungen ohne Unterbruch fortzusetzen. Mit Nachdruck – und Erfolg – setzte er sich dafür ein, die Entschädigungen des Kantonsrats den Anforderungen des Amtes und der effektiven zeitlichen Beanspruchung anzupassen. Alle Ratsmitglieder, nicht nur die Gutbetuchten und Pensionierten, sollten sich für ihr Amt adäquat beruflich entlasten können. Zu seinen ganz grossen Verdiensten gehört auch sein Kampf für bessere Transparenz in der Parteienfinanzierung – da sind wir in Zürich zwar noch nicht ganz am Ziel, aber auf der Zielgeraden. Vor allem aber war Ruedi ein Umwelt- und Naturschützer der ersten Stunde. Artenvielfalt und Bewahrung der Schöpfung war ihm mehr als ein politisches Anliegen; seine Freizeit verbrachte er in seinem Biogarten, als OL-Läufer und Kartenzeichner in der Natur, auf dem Velo – so lange es irgendwie ging, fuhr er auf seinem e-Bike zu allen Sitzungen. Beim gewonnenen Referendumskampf gegen das Wassergesetz war er federführend.

2011 bis 2015 steuerte er als Präsident der Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt die Limmattalbahn zum Erfolg und war verantwortlich für die Vorbereitung der aufwendigen letzten Totalrevision des kantonalen Richtplans. Als Mitglied des Verwaltungsrats der Glatttalbahn übernahm er auch Verantwortung in der konkreten Umsetzung der Verkehrspolitik, die er als Kantonsrat massgeblich mitgeprägt hatte. Der künftigen Entwicklung des riesigen, ökologisch so bedeutsamen Flugplatzareals Dübendorf zum Innovationspark stand er skeptisch gegenüber. Die jüngsten Entwicklungen geben ihm recht.

Die SP-Fraktion präsidierte Ruedi von 2004 bis 2007. Die Fraktion hat es ihm in dieser Zeit nicht immer leicht gemacht. Es ist ihm menschlich hoch anzurechnen, dass er nach seiner Präsidialzeit trotz (oder vielleicht gerade wegen) dieser Erfahrung all seine Nachfolger ebenso loyal wie diskret mit seinem enormen Wissen nach Kräften unterstützte. Die SP verliert mit Ruedi einen hervorragenden Analytiker, den besten Wahlprognostiker, den man sich vorstellen kann, und einen stets hilfsbereiten Genossen, der immer wieder – auch hinter den Kulissen – Schwerstarbeit geleistet hat. Dafür sind wir ihm zu allergrösstem Dank verpflichtet. Es ist nicht abzusehen, wer ihn in diesen wichtigen Aufgaben wird ersetzen können.

Ruedi war kein Mann der Kompromisse, er politisierte grundsatztreu und stand zu seinen Überzeugungen. Er trat bescheiden und zurückhaltend auf, argumentierte aber in seinen Voten im Rat und in den Kommissionsberatungen schonungslos, präzis und punktgenau. Das kam ihm auch in seiner Arbeit als 1. Vizepräsident des Bezirksrats Bülach entgegen. Er begegnete den Gemeinden und Gemeindeeinrichtungen, die er zu beaufsichtigen hatte, ebenso fair wie hartnäckig. Seine Erfahrungen als Sozialvorstand von Wallisellen (1994 bis 1998) und erfahrener Kantonsrat gaben ihm die für dieses Amt hohe Glaubwürdigkeit. Seine Dossierfestigkeit und sein Pflichtbewusstsein waren vorbildlich – drei Wochen nach der schwierigen Operation, die nach der Krebsdiagnose nötig wurde, nahm er seine Verpflichtungen aktiv wie eh und je wieder wahr. Bis ganz zuletzt nahm er wach und bestens informiert Anteil am Weltgeschehen. Selbst meine letzte Begegnung mit ihm im Krankenzimmer war geprägt von politischen Diskussionen und von seinem Interesse an der Zukunft von Partei, Fraktion und Parlament. Der Abschied fällt uns sehr schwer. Wir werden Ruedi vermissen und sind ihm unglaublich dankbar für seine Freundschaft und für alles, was er für uns geleistet hat.

Markus Späth-Walter, Fraktionspräsident